Bei "Anne Will": Dieser Auftritt von Angela Merkel war eine Ansage an alle Fremdenhasser

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Dieser Auftritt von Angela Merkel war eine Ansage an alle Fremdenhasser

Eine Stunde lang erklärte die Kanzlerin ihren Flüchtlingskurs in der TV-Talksendung von Anne Will – und überzeugte mit ihrem Auftritt.

Was ist nur mit dieser Kanzlerin los?

 

Noch vor einem halben Jahr schien Angela Merkel unter politischen Wortfindungsschwierigkeiten zu leiden. Schon damals brannten Asylbewerberheime im ganzen Land. Flüchtlingshelfer wurden angegriffen, Politiker und Journalisten bedroht. Doch die Kanzlerin hielt sich bedeckt, vermied öffentliche Auftritte im Zusammenhang mit der sich anbahnenden Flüchtlingskrise.

 

Sie machte den Eindruck, als ob sie die Probleme durch Schweigen lösen wollte.

 

Wer Angela Merkel am Sonntagabend bei "Anne Will" erlebt hat, der wird sich staunend gefragt haben, woher das plötzlich alles kommt: Die klaren Worte, das Beharren auf Humanität und das europapolitische Erbe ihrer Partei.

 

Merkels Auftritt war beeindruckend

 

Der Grund dafür könnte sein, dass Angela Merkel endlich ihre Aufgabe gefunden hat. An der Flüchtlingskrise wird man eines Tages ihre Kanzlerschaft messen. Und die CDU-Politikerin weiß das. Was wir derzeit erleben, sei eine "ganz, ganz wichtige Phase in unserer Geschichte", so Merkel.

 

Ihr Auftritt bei Will war beeindruckend. Vor allem deswegen, weil dort eine Politikerin saß, die sich mit aller Konsequenz ihren Idealen verschrieben hat. Und die es womöglich mit Martin Luther hält: Hier steh' ich nun und kann nicht anders.

 

Während das Diskussionsklima in den sozialen Netzwerken sich zusehends erhitzt und manch ein Politiker in Süddeutschland aus Angst vor der brodelnden Besorgnis mancher Bürger zum Rechtspopulisten mutiert, hält diese Kanzlerin Kurs - daran ließ sie keinen Zweifel. Als Anne Will sie fragte, ob sie einen Plan B habe, antwortete Merkel: "Nein, ich habe keinen Plan B. Ich werde für diesen Weg weiterarbeiten."

 

Endlich hat Deutschland eine Kanzlerin, die für ihre Politik einsteht

 

Das mögen manche für stur halten. Man könnte jedoch auch sagen, dass es endlich jene Geradlinigkeit ist, die seit Jahr und Tag von Politikern eingefordert wird. Anders ausgedrückt: Wir haben endlich eine Kanzlerin, die für das einsteht, was sie sagt. Und das ist eine gute Nachricht.

 

Merkel betonte, dass sie sich derzeit nicht auf eine Obergrenze für Flüchtlinge festlegen könne, weil dies in letzter Konsequenz bedeute, dass man die Verantwortung an Länder wie Griechenland abgeben wolle – und das funktioniere am Ende nicht. "Jemanden ein X für ein U vormachen, dafür vier Wochen Ruhe haben, und dann alles revidieren zu müssen, das würde das Vertrauen in Politik viel nachhaltiger beschädigen", konterte Merkel eine Frage Wills darauf, warum sie sich nicht festlegen wolle.

 

Die Kanzlerin machte deutlich, dass sie weiterhin eine europäische Lösung anstrebe. "Wir als Politiker haben die Verantwortung, aus schwierigen Situationen etwas zu machen", sagte Merkel. Und plötzlich klang sie ungewohnt emotional: "Ich bin auch manchmal verzweifelt. Aber dann beschreibe ich, wie aus der Verzweiflung etwas Vernünftiges wird." Sie versuchte zu verdeutlichen, worum es in ihrer Politik derzeit geht: "Ich muss mich doch immer fragen: Was ist nachhaltig richtig für Deutschland? Und es ist richtig im Sinne Europas und der Humanität?"

 

Anne Will war gut vorbereitet

 

Anne Will machte einen gut vorbereiteten Eindruck. Das ging so weit, dass sie aus journalistischen Gründen den Satz vom "Wir schaffen das" regelmäßig im Konjunktiv anführte, um Distanz zu ihrem Gast zu waren.

 

Kritik musste SPD-Chef Sigmar Gabriel für dessen Kritik am Kurs der Bundesregierung einstecken: "Man sollte da ganz vorsichtig sein, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben." Und der baden-württembergische CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf bekam jene Schützenhilfe, auf die er im Wahlkampf so lange gewartet hatte. In Bezug auf den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der erst kürzlich bekannte, er würde für Merkel "beten", sagte die Kanzlerin: "Der Ministerpräsident unterstützt mich, und ich freue mich darüber. Wer mich aber wirklich unterstützen will, der sollte CDU wählen."

 

Der rechte Mob tobte

 

Enttäuscht gewesen werden vermutlich jene von Merkels Auftritt gewesen sein, die sich ein Zurückrudern der Kanzlerin gewünscht hätten.

 

Im Netz tobte sich der rechte Mob schon parallel zur Ausstrahlung des Interviews aus. Das bekam auch Sportreporter Frank Buschmann zu spüren, der nach einem Facebook-Posting, in dem er sich zustimmend zu Merkels Auftritt äußerte, mit Hasskommentaren überschüttet wurde.

 

Buschmann veröffentlichte kurz danach ein Video, in dem er Stellung bezog: "Nur weil ich Sportreporter bin, bin ich kein Volldepp, der sich nicht für Politik interessieren darf." Er betonte, dass er Merkel derzeit für ihre Ruhe bewundere. "Was da (an Kommentaren bei Facebook) kommt, das bestärkt mich darüber, was ich mit vielen Freunden derzeit diskutiere: Dass man sich Sorgen machen muss, und zwar nicht nur um Deutschland, sondern um die Menschlichkeit."

 

Merkel hatte übrigens im Gespräch mit Will betont, dass sie mit all jenen gesprächsbereit bleiben wolle, die anderer Meinung sind als sie – so lange sich diese Kritik auf dem Boden des Gesetzes und des demokratisch Vertretbaren bewege. Auch das darf als Ansage an jene verstanden werden, die sich derzeit in Revolutionsfantasien hinein fiebern.

 

Denn wie ernst es Merkel mit ihrem Kurs ist, wurde zum Schluss noch einmal deutlich. Und wahrscheinlich war dies eine der erstaunlichsten Einsichten in diesem Gespräch: Die früher ideell oft so flexible und pragmatische Kanzlerin sucht erst gar nicht nach einem Notausgang, trotz aller Horrorvorstellungen, die ihre Gegner so inbrünstig skizzieren.

 

Anne Will fragt die Kanzlerin, ob sie Konsequenzen ziehen würde, wenn ihre Bemühungen um eine europäische Lösung vorerst scheitern würden?

 

Merkel antwortet: "Nein, dann muss ich ja weiter machen."

Sebastian Christ

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